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"The Oracle of Selphy" Johanna Braun and Thomas Ballhausen at the MUSA, Vienna 2013


Sehr geehrte Damen und Herren,

in der europäischen Geschichte und Gegenwart ist man es schon beinahe gewohnt, dass die Gespenster umgehen. Man darf sich mit dem Umstand anfreunden, dass sie dies wohl auch in Zukunft tun werden, dass das in letzter Konsequenz Nichtfassbare, das Durchscheinende und die unterschiedlichsten Heimsuchungen uns auch weiterhin mit Momenten der Irritation und Mahnung auf Trab halten werde. Denn, und darauf läuft es schließlich hinaus, es gilt sich zu fragen, was hier nicht stimmt und warum wir es, wenn überhaupt, nur in Ansätzen erklären können. Ich will trotz dieser Einschränkungen – und die Tatsache, dass ich heute selber in der Rolle des Herbeigerufenen auftrete, also vielleicht auch das Museum heimsuche, wiegt hier ebenso – ich will also trotz dieser zusätzlichen Erschwernis gespenstischen Teildaseins versuchen, vom Standpunkt des Vermutenden aus zu sprechen, will versuchen, die Ränder des sich Auftuenden deutlich werden zu lassen.

Schon der Titel von Johanna Brauns Ausstellung, zu der ich die Ehre habe, diese paar Kleinigkeiten voranzustellen, hat mich stutzig gemacht. Es ist wohl leichter, einer Bauchtänzerin beizukommen als einer Nekromantin, aber auch hier bleibe ich mangels bisheriger Erfahrungen, und das sage ich gar nicht unglücklich, ein Vermutender. Der Titel der Ausstellung hat mich also beschäftigt, ein Titel, der, neben biografischer roter Fädchen, die sich wie ein Gewebe durch die gesamte Ausstellung ziehen, auch eine mediale Bezugnahme aufruft, eine unbewusste Wiederholung, ein Gespenst: 1893 verfertigt W.K. Dickinson, der weniger bekannte Assistent des weitaus berühmteren Thomas Edison, Filmaufnahmen einer Tanzenden, der Bauchtänzerin Fatima. Diese frühe Quelle, die sich in eine Reihe vergleichbarer kurzer Filme einfügt, zelebriert abseits aller Erzählens, ganz Ausdruck eines Kinos der Attraktionen, den Körper, bildet ihn medial ab und verschafft ihm ein gespenstisches Nach- und Weiterleben. Abseits aller Todesverhaftet des Materiellen wird Kino so zur Geistershow, zum Gespenstersehen. Und Fatimas Bauchtanz ist darüber hinaus noch wegen eines anderen Umstands berühmt, wurde diese frühe Aufnahme doch einer Zensur unterzogen. Die Zensurmaßnahme bestand in dem Fall darin, gitterförmige Streifen auf dem tanzenden Medienkörper auf Brust- und Hüfthöhe anzubringen. Die Weiblichkeit und das Gespenstische sollten gleichermaßen gebändigt werden.

Johanna Braun, orakelgleiche Instanz des Medialen, so, wie sie sich hier eingerichtet hat, geht da, vom bellydancer zum necromancer, in der Auseinandersetzung einen anderen Weg. In ihrer Realisierung einer erweiterten, der Gegenwart entsprechenden Archivpraxis, die den Begriff des Archivs auch als Denkmodell für sich nutzbar macht und die Schwerpunkte auf Sammlung, Körper, Materialität und Kartografie legt, problematisiert sie Kanonisierung, Tradition und Linearität. Umso passender, dass die angesprochenen roten Fäden sich etwa in einem von Aby Warburg inspirierten Atlas nicht feststehender Teilelemente fortsetzen. Die Exponate, die ja im gesamten Ausstellungsbereich den Brückenschlag zwischen populären Formen und kunsthistorisch besetzten Angeboten vormachen, werden hier zu Teilen eines talking boards des vielfältigen Bilderrückens, wie wir es noch nicht gesehen, noch nicht wahrgenommen haben. Ganz romantische Nekromantin lässt Johanna Braun diese Vorsätzlichkeit auch in den anderen Arbeiten hervortreten, wenn etwa die Übermalung oder die Ausblendung zum Mittel der Thematisierung werden oder Reihungen filmischer Clips zum Innehalten einladen. Dabei ist sie niemals auf die Zähmung der Bilder aus, sondern auf die Betonung deren Eigenständigkeit, die zumindest so lange dauert, wie ihr beschwörender Zauber wirkt.

Vom Bett aus wird gelenkt und geweissagt, wird die Künstlerin zur Fern-Lenkerin des Unheimlichen. Gespenster werden aufgerufen und bei Bedarf wieder zum Verschwinden gebracht. Wir dürfen eine Beschwörung des unausgesetzten Auf- und Abtretens erleben. Ophelia winkt heute, das würde mich nicht wundern, wohl auch noch um die Ecke. Aber selbst das ist, bin ich doch als ein an sein Ende kommender Herbeigerufener nur ein Auskunft gebendes Phantom, einer der so tut als wäre er er selbst, auch das ist also, und ich muss es gespenstisch wiederholen, nur eine Vermutung.

Thomas Ballhausen

(zur Eröffnung im MUSA, April 2013)